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Strategien des Handwerks


Sieben Porträts außergewöhnlicher Projekte in Europa Haupt Verlag Hans-Joachim Gögl, Claudia Schwartz ISBN 3-258-06924-7

Bei der Suche nach zukunftsfähigen Antworten des Handwerks in Europa stießen wir auf einen gemeinsamen Nenner: Alle im Buch vorgestellten Lösungen setzten auf Kooperation. Die professionell navigierte Flotte der Kleinbetriebe als Antwort auf die Tanker der Konzerne im globalen Markt.

Sein Ohren- und Augenzeugenberichte zu ökonomischen Strategien des Handwerks und zu überraschenden Entwicklungschancen für den ländlichen Raum.

Werkraum Bregenzerwald heißt das Branchenbündnis, zu dem sich die Handwerker einer kleinen Region im österreichischen Bundesland Vorarlberg zusammengeschlossen haben. Unterstützung erfuhren sie durch eine wirtschaftspolitische Initiative zur Stärkung der Region. Den Kulminationspunkt unter den zahlreichen Vereinsaktivitäten bildet ein alle drei Jahre durchgeführter Desingwettbewerb, an dem die Handwerker gemeinsam mit Gestaltern teilnehmen.

Kulturbegriff

William James Durant gibt in seinem Werk (Kulturgeschichte der Menschheit) folgende populäre Definition. Dieser Kulturbegriff spart prähistorische Kultur aus:

"Kultur ist soziale Ordnung, welche schöpferische Tätigkeiten begünstigt. Vier Elemente setzen sie zusammen: Wirtschaftliche Vorsorge, politische Organisation, moralische Traditionen und das Streben nach Wissenschaft und Kunst. Sie beginnt, wo Chaos und Unsicherheit enden. Neugier und Erfindungsgeist werden frei, wenn die Angst besiegt ist, und der Mensch schreitet aus natürlichem Antrieb dem Verständnis und der Verschönerung des Lebens entgegen."

Nach Albert Schweitzer ist Kultur "Fortschritt, materieller und geistiger Fortschritt der einzelnen wie der Kollektivitäten". Der Fortschritt bestehe "zunächst darin, dass für die Einzelnen wie für die Kollektivitäten der Kampf ums Dasein herabgesetzt" werde.

Handwerkskultur im Bregenzerwald

Was ist darunter zu verstehen?  - Schwartz schreibt Strategien des Handwerks:


Man kann mit fünf Handwerkern im Bregenzerwald sprechen und trifft auf fünf Berufsphilosophien. Aber bei allen ist zuallererst ein stark ausgeprägtes Herkunftsbewusstsein zu spüren. In der Geschichte der eigenen Familie gibt es meist eine handwerkliche Tradition über Generationen. Privathaus und Werkstätte liegen noch heute eng nebeneinander. Die Kinder bewegen sich wie selbstverständlich im Betreib, Besucher werden neugierig beäugt. Die heutigen Unternehmer sind die Kinder von gestern; in den Werkstätten, die sie von den Vätern übernommen haben, wuchsen sie spielerisch in den Beruf hinein, bauten Seifenkisten oder "hämmerten irgendwas".

Die ├ťberzeugungen der Menschen sind hier stärker als anderswo eingebettet in die Lebens- und Arbeitsbedingungen, in Geschichten, wie es früher war und wie es heute ist oder sein sollte.

Das, was die Menschen hier machen, wovon sie leben, ist nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Der Bregenzerwald erscheint der Zugereisten schnell als ein gesamtkulturelles  Phänomen. Man spricht in einem solchen Fall von einer hohen regionalen Identität. Selbst die exotische Imbissbude im Hauptort Bezau hat sie im unfreiwillig komischen Namen Wälder Kebab verinnerlicht, was wiederum deutlich macht, dass auch im Bregenzerwald alles seine Grenzen hat. Ein hohes regionales Selbstverständnis gilt jedenfalls als eine gute Voraussetzung, sich im Rahmen des zunehmend globalen Wettbewerbs eine Position zu erobern. Gerade bei Kleinbetrieben, die untereinander in einer Konkurrenzsituation stehen, schafft ein soziokulturell bedingtes Zusammengehörigkeitsgefühl einen gemeinsamen Nenner.

Baukultur und Lebenskultur

Baukultur und Lebenskultur wurden hier schon früh als eins betrachtet. Deshalb ist auch die Entwicklung des Bregenzerwälder Handwerks nur im Kontext der Vorarlberger Architektur zu verstehen. Im Freilichtmuseum Stübing bei Graz zeigt sich, wie das Bregenzerwälderhaus schon im 18. Jahrhundert zum Modellfall wurde, weil es in einer Zeit, als man in anderen Gegenden noch in der Rauchstube saß, bereits mit Kachelofen und Wandtäfelungen zum Wohnkomfort beitrug. Auf dieses Vorbild bezieht sich bis heute eine Vorarlberger Architektur, die in den vergangenen dreißig Jahren einen unvergleichlichen Aufschwung erlebte.

Ausgehend von der Arbeit einiger Pioniere in den sechziger Jahren formierte sie sich zu einer regionalen Bewegung, die Kunst, Handwerk und Industrie zusammendenkt. Viele ihrer Vertreter stammen selbst aus Handwerkerfamilien - ein nicht zu unterschätzender Aspekt, kehrten sie doch nach dem Studium nicht als Theoretiker von außen in den Bregenzerwald zurück, sondern als Insider mit neuen Ideen im Gepäck. Mit ihrer Baukunst  besannen sie sich nicht nur auf die Wurzeln regionaler Architektur, sondern auch auf die heimische Tradition  eines hochwertigen Handwerks. Diese regionale Identität der Architekten gab dem Bregenzerwälder Handwerk einen neuen Impuls.

Gründung Werkraum

Zur geistigen Ertüchtigung und im Sinne von Albert Schweizer und im Sinne kultureller Entwicklung stellen sich die konkurrierenden Unternehmen einer positiven Auseinandersetzung. Im Kollektiv erarbeiten Sie gemeinsame Strategien und sichern weiter ihre Eigenheit ab und entwickeln ihre Identität.

Die Bregenzerwälder Handwerker schlossen sich endlich im Jahr 1999 in einem Verein zusammen. Von Anfang an galt das Credo, Sensibilität walten zu lassen, was die unterschiedlichen Betriebs- und Produktphilosophien anbelangt.

Der Name Werkraum Bregenzerwald steht für einen gemeinsamen Auftritt nach außen, der regionale Authentizität bei gleichzeitiger individueller Bewegungsfreiheit signalisiert; man weist auf einen Schauplatz der Produktivität hin, behält aber als einzelner Betrieb vollkommene Unabhängigkeit.

Die Handwerkskultur wird zum schlagenden Marketinginstrument

Natürlich benötigen die Handwerker innerhalb der Region eigentlich gar keine Werbung, weil hier jeder jeden kennt, wie der Bregenzerwälder Architekt Hermann Kaufmann betont, der an der TU München Holzbau lehrt. Aber ganz allgemein konstatieren Händler wie Architekten durch die Vorherrschaft industrieller Produktionen europaweit einen Mangel an Handwerkern, die präzise Fertigung garantieren und zugleich Einzelstücke in einer größeren Menge zu realistischen Preisen liefern können.

Abgesehen davon, dass ein gemeinsamer Auftritt nach außen eine stärkere Wirkung hat als die Werbung jedes Einzelnen, schafft ein solcher Zusammenschluss auch Vertrauen, weil der Abnehmer darin Standfestigkeit in qualitativer wie unternehmerischer Hinsicht erkennt.

Auch bei den Vorarlberger Architekten hört man viel Lob hinsichtlich der Selbstreflexion, auf die sich die Handwerker einlassen, was wiederum die Beziehung zwischen Architektenschaft und Handwerkern stärkt.

Darüber hinaus dient der Werkraum als Schaufenster, das den Blick erlaubt auf die Gemeinsamkeiten, sprich regionalen Spezifika: die Klarheit im Entwurf, Schnörkellosigkeit der Ausführung, die hohe Materialidentität und eine Funktionalität, die den Möbeln Flexibilität, Mobilität und Alltagstauglichkeit verleiht.

Mit diesem Markenzeichen stärkt der Werkraum, der aus der Region herausgewachsen ist, umgekehrt wiederum deren Authentizität. Die Handwerker haben sich in den fünf Jahren seit ihrem Zusammenschluss auch bildhaft eine Marktnische erobern können. Der Werkraum Bregenzerwald ist weithin zum Begriff geworden.

Zurück in die Zukunft - Wie eine Kooperation die andere ergibt

Die Rückbesinnung des Werkraums auf die Historie ist nicht reine Theorie. Auf seine Initiative wurde die Lernwerkstatt ins Leben gerufen, in der Handwerkerlehrlinge in der Praxis in alte Handwerkstechniken eingeführt werden. Die Jahrhunderte alten Häuser im Bregenzerwald stellen eine tägliche Herausforderung an die Handwerksbetriebe dar. Oft sind die Handwerker für private Hausbesitzer der erste Ansprechpartner, wenn die Sanierung eines Altbaus ansteht. Je mehr ein Handwerker darüber weiß, umso eher ist eine Bewusstseinsbildung für den Altbestand bei den Auftraggebern und folglich eine denkmalgerechte Restaurierung möglich. Die alten Handwerkstechniken sollen allerdings auch zeitgemäß, das heißt mit den vorhandenen technischen Möglichkeiten realisiert werden können.

In der Gemeinde Alberschwende, die vor Jahren eine Arbeitsgruppe zur gestalterischen Verbesserung des Ortskerns gebildet hat, fand der Werkraum eine Partnerin. Die Kommune stellte ein Objekt zur Verfügung, das entsprechende Schulung an einem konkreten Projekt ermöglicht. Ein leer stehendes, hundert Jahre altes Stallgebäude im Ortszentrum wird gemeinsam von Seniorenmeistern und Lehrlingen saniert. Nach Fertigstellung wird der Bau der Gemeinde Alberschwende und dem Werkraum Bregenzerwald als Veranstaltungsraum und Schauhaus für Ausstellungen zur Verfügung stehen. Ein Projekt, das im Sinne der Traditionspflege, des technischen Forschritts und der Berufsausbildung eine Kooperation zwischen der Politik, den zuständigen Denkmalpflegern und dem Verein ermöglicht, das zudem auf die Zusammenarbeit von Jung und Alt Wert legt und am konkreten Altbau eine attraktive praxisbezogene Ausbildungsstätte bietet.


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